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Die Kärntner Volksabstimmung
Ein Ereignis unseres gemeinsamen Lebens
 von Bogdan Pogacnik 

Die Kärntner Volksabstimmung ist für mich zugleich das Gefühl eines nationalen Schmerzes und der Ausdruck einer realen Mehrheitsentscheidung über das Kärntner Gemeinschaftsleben, die wir – auch wenn es uns oder wenigstens Jugoslawien schmerzt – annehmen und anerkennen müssen. Wie ich in Klagenfurt den Straßenbezeichnungen 10.-Oktober-Straße begegne, die den deutsch-österreichischen Sieg bei der Volksabstimmung verherrlichen, so erinnere ich mich aus meiner Jugendzeit, vor dem Krieg in Maribor, an eine Straße mit demselben Namen in Slowenisch, die in bedrückender Weise an die slowenisch-jugoslawische Niederlage bei der Kärntner Volksabstimmung aufmerksam machen sollte. Dasselbe Ereignis weckt tatsächlich auf zwei verschiedene Seiten verschiedenen, einander widersprechenden Widerhall. Das Ergebnis der Volksabstimmung können wir auch nur als einen Versuch deuten, in dem zu bleiben, was ist, in derselben Gemeinschaft und Einheit des Landes zu bleiben, im Gegensatz zu dem Gedanken einer nationalen Teilung. Aber wenn wir in einer breiteren Gemeinschaft leben wollen, müssen wir alle auch in diesem Ereignis Weisungen für ein zukünftiges Zusammenleben suchen. Wir müssen uns damit abfinden; der deutschen Seite in Österreich entsteht daraus die Verpflichtung, trotz des Sieges, oder eigentlich wegen des Sieges – denn wenn die einen Sieger sind, sind die anderen Besiegte – der slowenischen Minderheit in Kärnten entsprechende menschliche und nationale Rechte sicherzustellen.

Was den Slowenen widerfährt, ist für dieses schöne Land, wie es Kärnten ist, beinahe eine Schande, hat unter anderem der objektive, wenn auch klar antinazistische Autor und Psychologe, Dr. Erwin Ringel, bei der Vorstellung seines wunderbaren Buches „Die Kärntner Seele“ in Klagenfurt gesagt. Bei der Diskussion über dieses Buch kam es an diesem Abend auch zu einer öffentlichen Aussprache, bei der einige Zuhörer den Kärntner Slowenen vorzuwerfen versuchten, sie hätten Österreich verraten und wollten nach Jugoslawien. Da machte jemand aus dem Publikum die Bemerkung, auch die Einwohner von Vorarlberg hätten einst noch deutlicher für einen Anschluss an die Schweiz gestimmt, aber niemand werfe ihnen deshalb vor, sie seien Verräter oder wenigstes schlechtere Österreicher. Erwin Ringel hat seinerseits betont, dass auch ziemlich viele Kärntner Slowenen damals bei der Volksabstimmung für Österreich gestimmt hätten, sodass das Ergebnis der Volksabstimmung in Wirklichkeit die Summe der Stimmen aller deutsch und slowenisch fühlenden Kärntner wäre, weshalb man auch die Volksabstimmungsfeiern ausgleichender gestalten sollte, da der Sieg bei der Volksabstimmung die Frucht der Mehrheit von beiden Seiten gewesen wäre. Auf den Vorwurf, dass viele Kärntner Slowenen, die bei der Volksabstimmung keinen Erfolg hatten, noch heute lieber Österreich verlassen und nach Jugoslawien ziehen würden, meinte Dr. Ringel lachend, dass daran heute niemand mehr denke; im Gegenteil, es bestünde die Gefahr, dass viele Slowenen gern von Jugoslawien nach Österreich kommen würden, es würden viele nur deshalb davon abgehalten, weil sie sehen würden, wie schlecht man in Österreich die Kärntner Slowenen behandelt. Wie immer wir die Kärntner Volksabstimmung betrachten, fest steht, dass es ein Ereignis unseres gemeinsamen Lebens ist.

Kärnten ist ein Teil meiner ganzheitlichen slowenischen Gefühlswelt, nicht nur, weil einst der Sitz des ersten slowenischen Staates ausgerechnet in Karantanien war; weil hier unsere Literatur begann; weil es hier die schönsten slowenischen Volkslieder gibt. Auch die Landschaft ist so schön und heimisch, dass ich mir sehr schwer darunter ein anderes Land vorstellen kann. Hier fühle ich mich zu Hause. Doch gleichzeitig spürte man den Jahrhunderte lang sich immer wiederholenden Druck der Germanisierung von der Nordsee in Richtung Adria. Diese Gewalt brodelte bis zum Siedepunkt zur Zeit der Hitlerherrschaft in Österreich, und es war kein Zufall, dass neben den Juden der deutsche Hitlernazismus in Österreich gerade unter den Kärntner Slowenen am meisten Opfer forderte. Ich glaube, dass die unglücklichen Opfer von Zell Pfarre im nazistischen Gefängnis in Wien nicht nur für die Rechte der Slowenen, sondern auch für die zukünftige Souveränität von ganz Österreich enthauptet wurden. Wenn die Kärntner Slowenen den Deutsch-Kärntnern bei der Volksabstimmung vielleicht etwas schuldig blieben, dann schulden die Deutsch-Kärntner den Kärntner Slowenen um so mehr für ihren Widerstand gegen den Nazismus, der erst die Voraussetzungen für die Unterschrift des Staatsvertrages bei den Verbündeten schaffte. Aber wenn ich behaupte, dass ich die Kärntner Slowenen im vollen Sinne des Wortes für meine Landsleute halte, dann bedeutet das nicht, dass ich ihre österreichische Staatsbürgerschaft verneine; auch habe ich sehr viele freundschaftliche Bindungen zu deutsch sprechenden Österreichern.

Uns, die Slowenen in Jugoslawien, aber auch jene in Österreich, hat die Niederlage bei der Volksabstimmung in Kärnten auch deshalb getroffen, weil wir uns unbewusst immer wünschten, gemeinsam zu leben. Genauer gesagt, bei der Volksabstimmung wurde nicht so sehr für Österreich oder für Jugoslawien entschieden, sondern dafür, wie und wo sich alle Slowenen einigen könnten, sind wir doch ein kleines Volk. Wenn jedoch bei dem Wettstreit der Volksabstimmung die deutsch-österreichische Strömung gewonnen hat, meine ich, dass das am Ende des Ersten Weltkrieges, in welchem Österreich als Bündnispartner Deutschlands besiegt wurde, nicht wegen der größeren Anziehungskraft der deutschen Idee geschehen war, sondern wegen der Fehler im slowenischen Abstimmungslager. Ein Fehler war schon der übergroße Optimismus, als die Vertreter Jugoslawiens die Möglichkeit zurückwiesen, dass das gesamte Gebiet südlich der Drau sofort, ohne Volksabstimmung, an Jugoslawien fallen sollte. Sie hofften zuviel, verließen sich auf die Volksabstimmung in ganz Kärnten und haben am Ende alles verloren. Der zweite Grund, weshalb die Volksabstimmung für die Slowenen negativ ausfiel, bestand darin, dass im Namen von Slowenien ein Jugoslawien auftrat, das mit dem Balkan, mit Militär und Monarchie belastet war – das alles bedeutete Risiko -, während Österreich ein sicheres und friedliches Weiterleben bot und das als Republik, die ihrem Adler Hammer und Sichel an die Füße gab. Über all dass, über die Fehler, aber auch über die Opfer, schrieb beispielhaft der slowenische Schriftsteller Lovro Kuhar – Prezihov Voranc in seinem Roman aus der Zeit der Volksabstimmung „Pozganica“ (Die Brandalm), der auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Der Zufall will es, dass ich ein Enkel jenes Josip, Ritter von Pogacnik bin, der zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie 16 Jahre lang Abgeordneter im Wiener Parlament – einige Zeit auch als stellvertretender Parlamentspräsident - war, und der in diesem Parlament auch mit den Kärntner Abgeordneten jener Zeit zusammengearbeitet hat, der sich aber im Jahre 1918 für Jugoslawien entschieden hat und zusammen mit den anderen Politikern der slowenischen Volkspartei, als erster Präsident der slowenischen Volksregierung, Slowenien aus dem Verband Österreich-Ungarn herausgeführt hat, zunächst in die SHS, dann in das Königreich Jugoslawien. Leider musste er bald – auch als erster Abgesandter Jugoslawiens in Wien - erkennen, dass ihn der neue zentralistische jugoslawische Staat enttäuschte. Diese Tradition des Vorkriegsjugoslawien führte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nach abgeschlossenem Befreiungskampf und der Machtübernahme der kommunistischen Partei Jugoslawiens, trotz der Tatsache, dass Slowenien als gleichberechtigter Partner mitkämpfte und auch in der Verfassung die Gleichberechtigung aller Völker garantiert war, zur neuerlichen Bildung eines jugoslawischen Staates, der trotz der föderativen Form stark zentralistisch, bürokratisch und im Wesen unrechtmäßig war. Wir Slowenen sind besonders nach den neuesten Ereignissen bereit, in einer veränderten demokratischen Konföderation mitzuarbeiten, andernfalls würden wir uns in einer eigenen Volksabstimmung wahrscheinlich auch für eine Abtrennung und für den souveränen Anschluss an eine neue Form eines Vereinigten Europa entscheiden. Damit würden wir aber sowohl Kärnten als auch Österreich, bzw. jeder regionalen, völkerverbindenden Form im Rahmen eines neuen Europa, näherkommen.

Der Begriff unseres gemeinsamen Lebens tritt damit – ohne Rücksicht auf die Volksabstimmung in Kärnten im Jahre 1920, sondern in Hinsicht auf die regionalen Verbindungen eines Vereinigten Europa - neuerdings in den Vordergrund. Tatsache ist, dass wir uns, außer sprachlich, in allem sehr nahe stehen, dass wir Jahrhunderte lang unter ähnlichen gesellschaftspolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen aufwuchsen, mit ähnlichen Tugenden und Fehlern. Das heißt, dass wir zusammen gehören, ohne Rücksicht auf die Sprache, die in einer Welt der modernen Kommunikation immer mehr ihre ursprüngliche Bedeutung verliert, und in Aberkennung der vorherrschenden Rolle eines Staates, der sich sogar das Monopol auf die Sprache aneignet. Wenn es jetzt in einem Vereinigten Europa wieder zu einer Verflechtung von Völkern und Ländern käme, wäre es wahrscheinlich und natürlich, dass sich unsere Länder, Kärnten und Slowenien, ohne Rücksicht auf die Staatszugehörigkeit, vielleicht wieder durch eine Volksabstimmung, zu einer lebendigen, unmittelbaren regionalen Gemeinschaft zusammenschließen würden. Das heißt, dass der Begriff Gemeinschaft und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Lebens wieder hell leuchtend zum Ausdruck kämen. Wie auch immer: wir sind dazu verurteilt, zusammen zu leben. Seien wir also, bei allem Verständnis für Feierlichkeiten, tolerant!

Übersetzung aus dem Slowenischen von Alois Angerer


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